im schaufenster
Urbane Landschaftsgestaltung
Echtzeitkreationen an der Fensterscheibe
Öffentliche Räume – Innere Landschaften
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Eine Gruppe von Akteuren ist im Raum hinter der Fensterscheibe. Ihre Blicke, ihre Körperhaltungen wirken klar. Jemand tritt an die Fensterscheibe und wird sie auch berühren. Die anderen folgen früher oder später nach. Was dann beginnt, folgt bestimmten Regeln, lässt Prinzipien erkennen, jedoch keine Wiederholungen. Alle Aktionen sind gebunden an den Kontakt zur Fensterscheibe. Fremdartige Verschiebungen und Verzerrungen der Haut und der Körper entstehen. Diese lösen bei Betrachter Bilder und Fragen aus. Er ist – im Vorübergehen vielleicht aus seinem Alltag herausgerissen – konfrontiert mit einer Situation, die er nicht deuten kann, die ihn erfreut, die ihn interessiert und möglicherweise abstößt. Und das am Gehsteig und ohne Eintrittskarte.
Notizen zu einem Carpa-Experiment
Von außen betrachtet, sind Carpa-Körper von einem inneren Drängen erfüllt. Sie exponieren sich an einer wenn schon nicht unsichtbaren, so doch durchsichtigen Grenze: dem Schaufenster. Keine Bewegung, kein noch so kleiner Körperteil, keine Berührung, kein Geräusch oder Geruch kann diese Grenze überwinden. Nach außen wandert einzig und allein die Sehnsucht in ihrer buchstäblichen Augenfälligkeit – im Blick. Auch wenn die Carpa-Körper ihre Augen oft geschlossen haben, auch wenn diese manchmal beinahe von einem ins Innere des Körpers hinein Verschwinden erfasst sind – der Blick scheint das einzige zu sein, was an der Scheibe nicht Halt machen muss. Die Carpa-Körper scheinen sich untereinander zunächst kaum eines Blickes würdig. Dafür entsteht in ihren Bewegungen und Berührungen eine ganz eigene Art von Kommunikation: Unsichtbare Impulse scheinen die Körper in Gang und einander näher zu bringen, sich in Rhythmen zu verwandeln und von einem Körper auf den anderen überzugreifen. Es passiert etwas zwischen und mit ihnen, das von außen betrachtet scheinbar transparent, einsehbar, vorstellbar wirkt; auf der anderen Seite passiert vieles unabhängig vom anderen, auf unvorhersehbare Weise gleichzeitig. Die Aktionen verselbständigen, vervielfältigen sich. Die Carpa-Körper sind nun vorgerückt, vielleicht schon am Sprung, sich zu ent-rücken. Hände liegen auf der Scheibe, tasten. Es ist ein beinah reines Tasten, weil es von außen betrachtet auf keine Widerstände stößt, so dass nichts von ihm erhalten bleibt als seine eigenen Spuren. Nicht nur die Hände, auch die Gesichter beginnen jetzt zu tasten. Auf der Scheibe entstehen Verzerrungen, oft nahe an der Entstellung. Sie lösen bald eindringliche Assoziationen aus: Sind es doch Grimassen, die nun auftauchen, gleichsam amphibisch abgebildet, Ausdruck von Verzweiflung, von Schock, oder gar Bilder eines buchstäblichen Auftreffens aus freiem Fall? Bilden sich in den verzerrten Gesichtern momenthaft Aufnahmen, Porträts auch von Seelenmasken? Aber die an der Scheibe entstehenden Körperbilder scheinen weniger etwas festschreiben als ein Spiel ständiger Verwandlung freisetzen zu wollen. Insoferne verstehe ich die Gesichter, die sich mir zeigen, ihr zerrendes Wandern über das Glas auch als ein Abtasten möglicher Zuspitzungen der Sehnsucht. Das innere Begehren scheint an die Hautoberfläche aufzusteigen und beginnt nun eine ebenso willkürliche wie wirkliche Außengrenze abzutasten. So wie die Aktionen niemals Szenen werden, die sich wiederholen ließen, werden aus den Carpa-Körpern keine Rollen oder Charaktere, deren Entwicklung sich dramatisch verdichten und verengen würde. Das Carpa-Körper-Spiel bleibt ein Suchen nach den unwillkürlichen Rhythmen von Nähe, Berührung und Autonomie, nach den Spiel-Räumen der Sehnsucht. So wie das Carpa-Spiel kein Bühnen-Spiel ist, tritt auch der Zuschauer diesem nicht entgegen wie in einem Theater. Er taucht so zufällig und ungeladen auf, wie er willkürlich wieder verschwindet. Ihm wird auch keine Geschichte geboten, die er sich vom Leib halten könnte, indem er etwa sagt: Das betrifft mich nicht, das bin nicht ich. In der matten Spiegelung des Glases trifft er nicht zuletzt auf sich selbst und findet sich in einem Zustand, der sich komplementär zu dem der Carpa-Körper hinter der Scheibe verhält: Auch er wird wahr-genommen von einem Blick, auf den er keinen unmittelbaren Zugriff hat. Er wird gewissermaßen unvorbereitet auf seine eigene Weltanschaulichkeit gestoßen. Es ist der Sehnsuchtsblick, der ihn da trifft und ihm einen Moment lang fragend zusetzt. Und nun wird er für kurze Zeit zum unfreiwilligen Spieler seiner selbst, wird gleichsam beim Beobachten beobachtet. Jeder Blick, jede Bewegung, die ihm auskommt, ist schon ein Kommentar, ein Verhältnis zu und mit dem, was sich auf der anderen Seite der Scheibe gerade abspielt.
(von helmut neundlinger)
